* vor 1870
Vom Gram verzehrt, vom Kampfe
aufgerieben,
Willst du erschaut von
Himmelsaugen sein?
Aus reinstem Streben ekelwärts
getrieben
Begehrst du Wissende um solche
Pein?
Du heischest Neros, Tor,
Apotheose,
Soll alle Qual der Welt im
Spiegel ziehn.
Ein fühlsam Herz, ein Auge
aller Lose,
Zerreißen müßt’ es und im Wahn
verglühn.
Dein Himmel sei die selbst:
des Geistes Klarheit
Besonne des gefurchten Busens
Leid.
Er wölbe sich gestirnt im
Glanz der Wahrheit
Und knüpfe dich an All und
Ewigkeit.
Ja, scheide Herz und Geist,
bis du sie trenntest.
Klar sei die Stirn, wenn du
verbluten könntest.
* vor 1870
Vom Föhn der Leidenschaft
gepeitscht, entmarkt,
Wirr taumelnd wie auf greller
Geisterbühne,
Zum Handeln matt, in Tollheit nur
erstarkt,
Nach Sünde lechzend im Gefäß
der Sühne,
Das Fernste fassend, aller
Nähe fremd,
Entfremdet seltsamlich des
Alltags Stimmen,
Gelockt ins Ungeheure,
bleigehemmt,
Des Wirbels Opfer, eines
Wrackes Schwimmen:
O Fiebertraum entsetzensvoller
Klarheit!
Du reißt die Gottheit aus der
öden Brust,
Der Hölle Brausen taufst du
gellend Wahrheit
Und machst die Ohnmacht ihrer
Fahrt bewußt.
Die Stirne netzest du mit
kalten Tropfen
Und läßt Verzweiflung an die
Rippen pochen.
* vor 1870
Wohin entfliehn vor meines
Hirns Gespenstern,
Dem Aufruhr hinter morscher
Kerkerwand?
Der Wahnsinn lauert hinter
dumpfen Fenstern
Und prüft geschäftig rüttelnd
Stab und Band.
Wie dämpfen meines Herzens
Sturmeslohe,
Die Leidenschaft im Schicksalskatarakt?
So treibt ein brennend Wrack
ins Meer, ins hohe,
Und hüllt den Tod in Scharlach
und Smaragd.
O, bleiche Hüter ihr,
entsetzte Sinne,
Verschlinge euch des Wirbels
wüste Nacht!
Schon leckt es züngelnd Wimpel
an und Zinne
Und spottet heulend eurer eitlen
Macht.
Laßt seiner brände grause
Funken regnen.
Bald wird die Stille Grab und
Trümmer segnen.
* vor 1870
Hier lieg’ ich nackt,
zerschmettert auf der Klippe,
Von Sturmgeheul umbraust und
Wogenschaum.
Des Frostes Schauer peitschen
mein Gerippe
Und Wahrheit ist der
schreckenvollste Traum.
Gespenstisch ragt, Skelett,
des Schiffs Gerüste.
Dort treiben sie, die Trümmer
meines Glücks:
Der Jugend Gold, Opal der
Hoffnungsküste,
Die Wonneperlen eines
Liebesblicks.
Warum, o Meer, hast du mich
ausgespieen?
Warum verschlang mich nicht
dein Schlund, so tief?
Ich läge eingewiegt von
Melodieen,
Bis ich in Amphitrites Schoß
entschlief:
Ein Sarg von Glas, gebettet
unter Gleichen,
Des Lebenssturmes tiefversunknen
Leichen.
* vor 1870
Was flattert dort? Der Möwen
weiße Wolke,
Und trotzig ragt ein Fels wie
Nacht und Groll.
Ein Spätling ist es vom
Gigantenvolke,
Der einst aus Gäas Feuerbusen
schwoll.
Du heißes Herz, wer warf dich
in die Wogen,
In leere Brandung, Eis und
bittres Salz?
Du stürmtest donnernd auf zum
Himmelsbogen,
Zum kalten Äther auf, und er
vergalt’s.
Was ist so dunkel wie
versteinte Gluten?
Wer ist so starr, wie der
einst kochend schmolz?
Du blickst hinab in das
Gezisch der Fluten,
Ins Sturmgewölk hinauf,
gedankenstolz,
Und träumst vom Zorne, der die
Welt gerichtet,
Und von dem Brand, der sie
gewiß vernichtet.
* vor 1870
Das Unglück starrt betäubt mit
trüben Augen
Und leeren Händen in die wüste
Welt.
Ihm donnern nur des grauen
Meeres Laugen,
Darauf der Hoffnung letztes
Schiff zerschellt.
Bist du, geboren, nicht auch
schon gestrandet,
O Mensch, der du der Gottheit
Wunde bist?
Vom Leib des Heils, in lautres
Licht gewandet,
Rangst du dich los in
finsterem Gelüst.
Was heilig du im Bunde
mitgenossen,
Zu eigen wollt’ es selbstisch
Leidenschaft;
Der Hort der Seligkeit war
ausgegossen,
Mit frevler Hand hast du davon
gerafft.
Jetzt finde dich zurecht, beraubt,
geschändet;
Des Himmels war, was dir der
Sturm entwendet.
* vor 1870
Soll ich der Tränen mich, der
stillen schämen?
Es ist ja aus und alles welk
und tot.
Ein weiches Lispeln nur ist
all mein Grämen,
Des regenfeuchten Haines
Abendrot.
Der Morgen loderte in
Purpurflammen
Und Zuversicht flog rauschend
gipfelwärts.
Wie brach des Tages Märchenbau
zusammen!
Und welch ein Blitz befuhr
dich, Schwärmerherz!
Nun breitet Schwermut ihre
dunklen Schleier
Und deckt das kranke Herze
sorglich zu.
Das ist des Schmerzes
wollustvolle Feier,
Des hoffnungslosen Grames
Scheideruh’.
Die Bahre seh’ ich nächtig sie
umwandern,
Die Lichter löschend, eines
nach dem andern.
* vor 1870
Am kühlen Waldquell sitz ich
einsam, brütend,
Und füttre still mein sanftes
Taubenpaar.
Wie Schnee und Kohle blickt’s,
die Schultern hütend,
Und schmiegt an Wange sich und
Schläfenhaar.
Warum, o Herz, fühlst du dich
abgeschieden
Und nährst in Moos und Klüften
Lust und Gram?
Warum beseligt dich der Wipfel
Frieden,
Zerreißt im Strom der Welt
dich Stolz und Scham?
Verkennst dein Antlitz in
Geschwisterzügen,
In ihren Mienen du des Glückes
Mal?
Darfst, Bürger, du der Welt
Gemeinde rügen?
Stimmst du nicht ein im
Festlied, im Choral?
Ach, alles wahr. Doch wie ich
siedend weine,
So weint dies Herze nur, dies
eine, eine.
* vor 1870
Der Tränke labenster aus
kühler Schale
Ist nicht der Musenquell vom
Helikon.
Er hebt den Blick zum goldnen
Göttersaale
Und senkt geblendet ihn zu
grauem Ton.
Du schlürfst mit nichten ihn
vom Purpurmunde:
Ein zehrend Gift, das uns in
Wahnsinn reißt;
Es saugt am Mark und läßt mit
tiefer Wunde
En blutend Herz und einen
trüben Geist.
Am Dämmerstrand, auf feuchten
Wiesen schwebend,
Schöpfst du entkörpert deiner
Heilung Tau.
Du siehst die Zeit in leeren
Schatten webend;
Es rauscht so mild das alte
Wellengrau.
Da bückst du dich zu Lethes
Wundertränken
Und spülst hinweg ein
brennendes Gedenken.
* vor 1870
Kann Lorbeer brennendheiße
Schläfen kühlen?
Stillt dir ein Diadem des
Hungers Qual?
Er läßt dich tiefer nur die
Armut fühlen
Und deine karge Neige macht er
schal.
Ja, bitter, bitter schmecken
Blatt und Beere;
Sie drücken schwer auf ein
erleuchtet Haupt.
Die Natter schläft im Schatten
seiner Ehre
Und wie von Nesseln dünkst du
dich umlaubt.
Des Zweifels Dolch in tiefer
Herzenswunde,
Sein Gift in deiner Adern
schwerem Schwall,
So harrst du fiebernd einer
hohen Stunde,
Wo sich verwandle Busen, Geist
und All
Und eine linde Hand die dürren
Äste
Vertausche mit den Veilchen
hoher Feste.
* vor 1870
Wo ist die Zeit, da ich die
Hoffnung kannte
Und im Gewell des Lebens mutig
schwamm?
Wo rüstig ich des Trotzes
Sehnen spannte,
Beherzten Sinnes rühmend
meinen stamm.
Wie seltsam ist die Sprache
mir verwandelt!
Die stolzen Worte klingen hohl
und leer.
Ein Schatte dünkt mich, wer da
prahlt und handelt,
Und Finsternis und Staub ist um
mich her.
Bin ich’s allein, der kläglich
so gestrandet?
Sind Scheitern, Klippe, Not
gemeines Los?
Nennt mir den Port, wo Glück
und Friede landet
In des Genügens sichern
Mutterschoß.
Der Kranz des Lebens winkt nur
kecken Spöttern
Und der des Ruhms besteht aus
welken Blättern.
* vor 1870
Der Bau der Welt ist nicht aus
Erz und Steinen;
Ein Schaugepränge ists aus
Dunst und Licht.
Wie könnte anders sie und
anders scheinen,
Wär’ sie ein Luftgespenst der
Seele nicht?
Ein Göttermai, beglänzt vom
Liebessterne,
Ist’s der dem ersten Kusse
lachend blaut;
Unendliche Verheißung dehnt
die Ferne
Und nennt Natur des
Herzenswunsches Braut.
Zu bald nur schlägt der
Zauberposse Ende
Und ärmlich starrt dich ihre
Bühne an:
Von Leinewand und Pappe
Ornamente
Und alles nur ein
abgeschmackter Wahn.
Trugst du die Maske? Wohl, so
magst du lachen.
Und warst du gläubig, lerne
besser wachen.
* vor 1870
Ein jeglich Ding verändert
seine Miene;
Die gleichen Züge werden fremd
und kalt.
Der Laune Pinsel tränkt sich
im Karmine
Und leiht Ersehntem nur die
Wohlgestalt.
Die Rolle schließt, damit der
Spieler schwinde,
Und jedes Herze schenkt sich
sterbensarm.
Die Mutterbrust versiegt dem
satten Kinde
Und Wonnetränen perlen frühem
Harm.
Was ist der Mensch? Die Masche
im Gewebe;
Der Not Gefäß, daraus
Bedürfnis trinkt;
Die Frucht des Baumes und des
Kelters Rebe;
Der Zukunft Brücke, die
beschritten sinkt;
Ein Tag, der bald erlosch, der
kurz besonnte,
Am Nebelhauche ferner
Horizonte.
* vor 1870
Ein ewiges Erwachen ist das
Leben
Und Traum um Traum vergleitet
in das Nichts.
Wir nennen Glück des holden
Truges Weben
Und schmerzlich kältet uns die
Flut des Lichts.
Wie kann die Wahrheit unsern
Geist erfreuen,
Wenn unser Herz beschleichen
Reif und Frost?
Wer möchte nicht den süßen Lug
erneuen?
Wer trank sich satt am heißen
Jugendmost?
Wer tauschte nicht den
Silberblick des weisen
Um die Phantome trauter
Kindereien?
Laßt mich den Überschwang der
Torheit preisen
Und sargt sie in der besten
Blüte ein.
Dann schüttet ihr ins Grab die
ganze Wahrheit.
Im Leben will ich Küsse keine
Klarheit.
* vor 1870
Und Bild um Bild! Erlebnis um
Erlebnis!
Mag dieses Schauspiels doch
ein Ende sein!
Die Stirne schmerzt von
rollendem Begebnis
Und wendet sich betäubt von
Schall und Schein.
Zieh ein, o Herz, die müßigen
Erkunder:
Der Sinne Vorwitz; sei des
Dünkels los.
Hinab zum Bade schöpferischer
Wunder,
Zur sel’gen Blindheit in des
Wandels Schoß!
Und erbt dein Puls, so tränk’
er Blütenzweige
Und lulle duftend schwanke
Falter ein;
Die Lenznacht trinke meiner
Seufzer Neige
Und möge Tau die letzte Träne
sein;
Und bricht die Lieb’ ihr
Pfand, so wird es zittern
Und Himmelsduft den Honigkelch
umwittern.